Wird grüne Technik unsere Umweltprobleme lösen und welchen Beitrag können Unternehmen leisten? Am 29.11. zu Gast bei SUSTAINUM – eine chinesische Delegation aus der inneren Mongolei mit dem Interessenschwerpunkt Greentech.

Greentech steht für das Versprechen, die vom Menschen gemachten Umweltwirkungen durch technische Lösungen zu kompensieren. Deutschland beansprucht hier eine Vorreiterrolle und ist in der Entwicklung neuer Speichertechnologien, Solaranlagen, Energierückgewinnung oder Recyclingverfahren im internationalen Wettbewerb ganz weit vorn – Grund genug für eine chinesische Delegation den deutschen Greentechs einen Besuch abzustatten. Erik Poppe und Irina Brehm informierten die Teilnehmer über die Möglichkeit der Berechnung von Umweltwirkungen mit Hilfe von Ökobilanzen für einzelne Produkte oder Corporate Carbon Footprints für ganze Unternehmen.

 


Source: Picjumbo/Erik Poppe

Einführung in die Ökobilanz (Lifecycle Assessment)

Zu Beginn informierte Erik Poppe über die Grundlagen der Ökobilanzierung und deren Rolle für die Abschätzung von Umweltwirkungen. Die Ökobilanz ist eine international anerkannte Methode, welche in den 1970er Jahren entwickelt wurde und insbesondere seit den 1990er Jahren durch den zunehmenden Einsatz von Software immer leistungsfähiger geworden ist.

 

  • Erik Poppe gibt zu Beginn ein Einführung in die Ökobilanzierung.

 

Greentech – Anspruch und Wirklichkeit

Relative und absolute Kennzahlen

Was haben ein Panzer und Greentech gemeinsam? Erstmal nicht viel – außer das er eine ähnlich gute CO2-Effizienzklasse aufweist wie ein Golf 1.4. Das Beispiel geht zurück auf eine Kritik des ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD) an den Umweltlabeln für Neuwagen [1] und zeigt auf radikale Weise wie durch gezielte Indikatorenbildung ressourcen- und energieintensive Produkte einen grünen Anstrich bekommen können. Ursächlich hierfür ist die für das PKW-Label gewählte Einteilung der Fahrzeuge in CO2-Effizienzklassen nach Emissionen und Fahrzeuggewicht [2]. Das soll Verbrauchern den Vergleich verschiedener Fahrzeuge innerhalb einer Fahrzeugklasse erleichtern, lässt schwere Fahrzeuge mit einem höheren Verbrauch jedoch genauso gut aussehen, wie kleine Fahrzeuge mit geringem Verbrauch.

Das Beispiel zeigt: die Wahl des Indikators entscheidet heute maßgeblich über die Beurteilung der Umweltfreundlichkeit von Produkten und ist ein generelles Problem bei allen produktbezogenen Vergleichen und Aussagen.

 

 

Blinder Fleck – „Graue Energie“

Graue Energie (engl. embodied energy) bezeichnet den benötigten Energie- und Materialaufwand für die Herstellung eines Produktes sowie die dabei freigesetzten Emissionen. Die Umweltlasten aus der Vorkette der Produkte und Produktion selbst sind Gegenstand jeder Ökobilanz und werden jedoch oftmals im Bereich des nachhaltigen Bauens vernachlässigt [3]. Der Gebäudesektor verbraucht in Deutschland ca. 35% der Endenergie [4] und bietet deshalb eine der größten Einsparpotentiale durch Energieeffizienzmaßnahmen.

 

Die Errichtung eines Massivhauses verursacht in etwa soviel Klimaemissionen wie der Betrieb über 60 Jahre.

 

Ein ökologischer Fallstrick sind jedoch die für die Produktion und Umsetzung von energieeffizienten Häusern benötigten Energien und Ressourcen. So gilt zwar, das alle Dämmstoffe sich durch ihre Einsparwirkung nach wenigen Jahren energetisch amortisieren, es macht jedoch einen Unterschied welche Ausgangsmaterialien eingesetzt werden. Natürliche Dämmstoffe weisen durch ihr CO2-Speicherpotetial eine deutlich bessere Klimabilanz auf als konventionelle synthetische Dämmstoffe [5]. Da unterm Strich jedoch in jedem Fall Einsparungen realisiert werden, fallen die Unterschiede in der ökologischen Bilanz nicht all zu schwer ins Gewicht. Ein echtes Schwergewicht ist hingegen der Unterschied zwischen Sanierungsmaßnahmen an Bestandsgebäuden oder einem kompletten Neubau. Die Errichtung eines Massivhauses verursacht in etwa soviel Klimaemissionen wie der Betrieb über 60 Jahre [6].

 

Green Optimism

Weniger greifbar wirkt auch ein anderes sozial-psychologisches Phänomen, das unter dem Begriff des Green Optimism bekannt ist. Demzufolge können grüne Technologien mit ihrem Umweltschutzpotential eine Abnahme der individuellen Umweltverantwortung und -handelns bewirken [7]. Was ist damit gemeint? Zum Beispiel geben uns Mehrwegbeutel aus Baumwolle mit der Aufschrift „Umwelt“ das Gefühl wir tun etwas Gutes für den Umweltschutz, statt einfach zur billigen Plastiktüte zu greifen. Das gleiche gilt für kompostierbares Einweggeschirr, Biodiesel, Ökostrom und andere grüne Produkte – sie suggerieren uns das wir etwas gutes für die Umwelt tun. Dabei kann unser Handeln auch das Gegenteil bewirken. Eine Baumwolltasche muss gegenüber einer Plastiktüte immerhin 131 so oft benutzt werden, um den höheren Energie- und Ressourcenaufwand durch die Herstellung auszugleichen [8]. Das Beispiel zeigt, wie wichtig die ökologische Analyse in Form der Ökobilanz ist – denn obgleich Mehrwegsysteme sehr zu begrüßen sind, müssen parallel auch die Voraussetzungen für einen möglichst langen Nutzungszyklus und hochwertigem Recycling ermöglicht werden. Diese Maßstäbe sollten auch bei der Entwicklung neuer Verbundwerkstoffe und Materialmischungen bedacht werden, die in ihrer Nutzung zwar sehr sinnvolle Eigenschaften aufweisen können, am Lebensende dann aber nicht mehr in ihre Ausgangsstoffe aufgespalten werden können und somit dem Stoffkreislauf verloren gehen.

 

Rebound Effekte

Bei allen grünen Fortschritten in der Industrie und beim Konsum stellt sich zudem die Frage, was eigentlich mit den ganzen Einsparungen und Umweltvorteilen passiert, die insbesondere durch den Einsatz von immer effizienterer Technik generiert werden. Nahezu jede Energieeinsparung durch effizientere Haushaltsgeräte setzt zusätzlich verfügbares Einkommen frei, das für zusätzlichen Konsum genutzt werden kann und somit wiederum einen Ressourcenverbrauch bewirkt. Neue effiziente Technologien ermöglichen zudem teilweise völlig neue Anwendungsbereiche, sodass es zu einem sprunghaften Anstieg der Nutzung kommen kann.

Diesen Effekt konnte bereits der Ökonom Stanley William Jevons Mitte des 19. Jahrhunderts beobachten. Jevons stellte fest, das der durch den technologischen Fortschritt ermöglichte effizientere Einsatz an Kohle nicht zu einer Reduktion des nationalen Kohleverbrauchs führt, sondern im Gegenteil einen Mehrverbrauch bewirkt hat. Als Ursächlich hierfür gilt die von James Watt maßgeblich verbesserte Dampfmaschine, welche einen effizienteren Einsatz von Steinkohle ermöglichte und somit die Kosten für den Betrieb der Maschine reduzierte [9]. Ähnliche Effekte lassen sich ebenfalls bei der Entwicklung von effizienten Leuchtmitteln, Fahrzeugen und anderen Produkten beobachten. Unternehmen die glaubhaften Umweltschutz und Nachhaltigkeit betreiben, sollten daher neben ihren Effizienzfortschritten immer auch ihren absoluten Umweltverbrauch im Blick behalten und transparent kommunizieren.

 

Empfehlung für Unternehmen

Glaubhafter und ernst gemeinter Umweltschutz heißt nicht nur über Erfolge zu sprechen, sondern auch Risiken darzustellen – es geht schließlich um kontinuierliche Verbesserungen und nicht nur kurzfristige Effekthascherei. Unternehmen sollten deshalb auf folgende Dinge achten:

  • Umwelt- und Klimaaussagen über ihre Produkte sollten in Übereinstimmung mit gültigen Normen und Standards erfolgen. Hierzu zählen beispielsweise die Ökobilanz und Umweltproduktdeklarationen
  • Aussagen über ihr Unternehmen erfolgen idealerweise in Form eines Nachhaltigkeitsberichts und bei Klimaaussagen in Form eines Corporate Carbon Footprint
  • Effizienz und der Einsatz von modernen Technologien zur Ressourcenschonung spielen eine wichtige Rolle beim Umweltschutz, entscheidender ist jedoch der Gesamtverbrauch des Unternehmens. Verbräuche, die sich nicht reduzieren lassen, können zumindest über Klimaschutzprojekte kompensiert werden.
  • Weniger ist manchmal mehr: nicht jedes grüne Produkte muss auch als grün deklariert werden und handelt sich schnell den Vorwurf des Greenwashing ein (Bsp. Biowasser)

 

Weiterführende Hinweise

[1] Tagesspiegel-Online: Leopard 2 so sauber wie ein Golf, Online Artikel, URL: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/leopard-2-so-sauber-wie-ein-golf/4360926.html

[2] Offizielle Informationsseite zum PKW-Label der Deutschen Energieagentur: https://www.pkw-label.de/pkw-label/co2-effizienzklassen/

[3] Danny Püschel: Das Ganze im Blick? Über den Lebenszyklus eines Gebäudes, Nabu Blogbeitrag vom 06.07.2016, URL: https://blogs.nabu.de/lebenszyklus-gebaeude/

[4] Deutsche Energieagentur: Gebäude Energieeffizient gestalten, Zahlen & Fakten, Abruf am 28.11.2018, URL: https://www.dena.de/themen-projekte/energieeffizienz/gebaeude/

[5] Gegenüberstellung verschiedener Dämmstoffe: http://ecoscale.de/shrt/f5gu

[6] Cevin Marc Pohlmann: Ökologische Betrachtung für den Hausbau, Dissertation Hamburg 2002, URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2002/712/pdf/zusammen.pdf

[7] Martin Soland: ”Relax… Greentech will solve the Problem!”
Socio-psychological Models of Responsibility Denial due to  Greentech Optimism, Dissertation Zürich 2013.

[8] Chris Edwards, Jonna Meyhoff Fry: Lifecycle Assessment of Supermarket Carrier Bags, Environment Agency, Bristol 2011.

[9] William Stanley Jevons, The Coal Question, London 1865.