Auf der diesjährigen Konferenz für Product Lifetimes and the Environment (PLATE 2017) präsentierten Jörg Longmuß und Erik Poppe ihren Beitrag „Planned Obsolescence: Who are those Planners?“ einem internationalen Publikum.

In ihrem Beitrag geben sie unter anderem Einblick in die bis Juni 2018 laufende Untersuchung zu Langlebigkeit und Obsoleszenz in Produktentstehungsprozessen (LOiPE). Ausgangspunkt des Beitrags sind Fragen nach den Grenzen und Möglichkeiten der Obsoleszenz- und Lebensdauerplanung bei den am Produktentstehungsprozessen beteiligten Akteuren.

Wie erkennt man geplante Obsoleszenz?

„Ein Großteil des Mainstreams versucht geplante Obsoleszenz durch den Nachweis von Schwachstellen am Produkt aufzudecken, doch das erklärt nicht hinreichend ob nun etwas wirklich geplant ist oder nicht“, erklärt Jörg Longmuß und führt fort: „unser Ansatz war es deshalb direkt bei den vermeintlichen Planern nachzufragen“.

Durch die Unterstützung der Gewerkschaft IG Metall und weiteren informellen Zugängen gelangen eine Reihe von Interviews mit prozessnahen Akteuren zu den aktuellen Arbeitsbedingungen und Paradigmen in der Produktentwicklung. Auch wenn die Interviews in Summe nicht repräsentativ sind konnten somit einige wichtige qualitative Einsichten gewonnen werden.

Form – Timing – Intention (FTI)

„Wir mussten relativ schnell feststellen, dass geplante Obsoleszenz als Konzept sehr unterschiedlich definiert wird. Häufig sprechen die meisten Kritiker aber implizit von der Planung von vorzeitiger Obsoleszenz“, führt Erik Poppe aus und erklärt weiter: „das ist analytisch aber sehr einseitig, denn die Planung von Obsoleszenz kann auch auf eine Ermöglichung von längeren Lebensdauern abzielen bzw. ist überhaupt deren Voraussetzung.“ Für ein möglichst wertfreies Verständnis des Phänomens schlagen beide deshalb eine formale Definition vor und ergänzen diese durch drei Charakteristika von geplanter Obsoleszenz (FTI Modell).

Ergebnisse aus den Interviews

Durch die Interviews konnte bisher kein Nachweis einer geplanten vorzeitigen Obsoleszenz gefunden werden. Es lassen sich jedoch drei Ursachen identifizieren, warum die intendierte Lebensdauer nicht immer erreichbar ist:

  • Komplexitätszunahme: Verteilte Lieferketten, abnehmende Fertigungstiefen, eine wachsende Bedeutung der Mikroelektronik und Software sind heute in vielen Fällen ein Hemmnis für lange Produktlebensdauern und können von einzelnen Unternehmen nur mit hohen Aufwand gut gesteuert werden.
  • Zeitdruck: Kurze Marktzyklen und Time-To-Markets von Produkten und Komponenten steigern die Anforderungen in der Produktentwicklung und zwingen in vielem Fällen zu gerafften Produkttests. In einigen Fällen werden Einzelkomponenten von Lieferanten oder Software ohne Alternative abgekündigt, sodass die Produkte und Komponenten nur für begrenzte Zeiträume im Markt unterstützt werden.
  • Kostendruck: Niedrige Preisvorgaben für Endprodukte sind eine Wesentliche Beschränkung für Produktlebensdauern und -qualitäten.

Die genannten Beschränkungen wirken simultan in der Produktentwicklung und können als Treiber einer systemischen Obsoleszenz verstanden werden.

Ansätze zur Verlängerung von Produktlebensdauern

Ansätze zur Vermeidung vorzeitiger Obsoleszenz müssen im Sinne einer geteilten Produkverantwortung durch Hersteller, Handel und Konsumenten gemeinsam bewältigt werden. Mögliche Ansatzpunkte hierfür sind:

  • Verbraucherorientierung für langlebige Produkte: Die Konsumentenorientierung ist der Ausgangspunkt der Produktplanung von Herstellern. Wenn Konsumenten Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit, Sharing-Konzepte oder Reuseability stärker als Wertfaktor bei der Anschaffung und Nutzung von Produkten berücksichtigen, können sich neue Businessmodelle für Hersteller entwickeln, die langlebige Produkte begünstigen.
  • „Multi-Life“ statt „Single-Life“ Produkte: Produkte werden heute überwiegend für den Erstnutzer zugeschnitten und werden mit dem ersten Ausfall obsolet. Nachhaltige Produktkonzepte müssen einen stärkeren Fokus auf Reparaturfähigkeit und die Möglichkeit zur Wiederaufarbeitung richten, damit auch eine Weiternutzung der Produkte durch andere Konsumenten ermöglicht wird.
  • Produzentenstolz als Schlüssel zur Langlebigkeit: Produktentwickler und Ingenieure haben in der Regel ein hohes Qualitätsbewusstsein, welches durch die Verankerung von hohen Qualitätsmaßstäben im Unternehmensleitbild nachweislich bekräftigt werden kann.

 

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